Forschungsprojekt "PaRis - Pflege als Risiko"

Wege zur Prävention und Verfolgung von Gewaltstraftaten gegenüber Pflegebedürftigen

1. Übersicht Projekt „PaRis“

Grundlage des Netzwerks Gewaltfreie Pflege ist das Forschungsprojekt „PaRis“, das durch seine Umsetzung neue Wege zur verbesserten Prävention und Verfolgung von Gewaltstraftaten gegen ältere, pflegebedürftige Menschen geebnet hat. Die Gründung eines multidisziplinären Netzwerks zum Schutz pflegebedürftiger Menschen ist eines der relevantesten Projektergebnisse.

PaRis wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramms der Bundesregierung gefördert und von 2019 bis 2021 von dem Landeskriminalamt Berlin und der Deutschen Hochschule der Polizei umgesetzt.

DHPol und Polizei Berlin Logos

Unterstützt wurde das Projektkonsortium von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie von einem interdisziplinär besetzten Fachbeirat mit Personen aus dem Handlungsfeld Gesundheit und Pflege.

Logo SenWGP

Inhaltlich bestand das Projekt PaRis aus zwei aufeinander aufbauenden Teilen, die in der Pyramide grafisch dargestellt sind:

Pyramide Abschlussveranstaltung

Im ersten Teil des Projekts wurden zwei empirische Studien durchgeführt:

In einer Hellfeldstudie haben wir staats- und amtsanwaltschaftliche Verfahrensakten zu 354 Fällen von Gewaltdelikten gegen ältere Pflegebedürftige analysiert. Ausgewertet wurden z.B. Daten zum Tatkontext, den Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen von Gewalt sowie zu den polizeilichen Ermittlungen und zum justiziellen Verfahrensgang, um Handlungsimplikationen für die polizeiliche Ausrichtung in diesem Problemfeld ableiten zu können.

In einer parallel durchgeführten Interviewstudie haben wir 64 Akteur:innen von Strafverfolgungsbehörden, einschlägigen Beratungs- und Beschwerdestellen, Aufsichts- und Qualitätssicherungsinstanzen, Verbänden und Interessensvertretungen sowie aus dem Opferschutz, der ambulanten und stationären Pflege und der Wissenschaft zu ihren Erfahrungen mit dem Phänomenbereich „Gewalt in der Pflege“ befragt. Der Fokus lag hierbei auf der polizeilichen Präventions- und Ermittlungsarbeit in diesem Deliktsfeld sowie auf den Möglichkeiten einer vernetzten Zusammenarbeit aller relevanten Akteure. Unser Ziel war, durch die multiperspektivische Ausrichtung Erkenntnisse zum Phänomenbereich zu erhalten, die weit über die Hellfelderkenntnisse von Polizei und Strafjustiz hinausgehen.

Basierend auf den empirischen Ergebnissen dieser beiden Studien wurden in der zweiten Phase des Projekts verschiedene Veranstaltungen durchgeführt:

  • Im Rahmen von 3 polizeiinternen Workshops haben wir gemeinsam mit verschiedenen strategischen und operativen Abteilungen der Berliner Polizei und Justiz Ansätze zur Optimierung polizeilicher Prozesse im Phänomenfeld erarbeitet.
  • Im Rahmen von 4 Netzwerk-Workshops wurden gemeinsam mit wichtigen Akteur:innen aus dem Handlungsfeld Strategien zur nachhaltigen Zusammenarbeit entwickelt.

Auf der Basis dieser Ergebnisse sind Konzepte zu verschiedenen Schwerpunktthemen entstanden, die wir benötigen, um pflegebedürftige Menschen besser vor Gewalt schützen zu können. Dazu gehört auch ein Schulungsmanual zur Sensibilisierung von Mitarbeitenden der Berliner Polizei, die mit pflegebedürftigen Opfern in Berührung kommen.

Grundlage aller konzeptioneller Überlegungen waren also die Befunde aus den empirischen Studien, die das Team im ersten Projektteil durchführte, um vertiefte Erkenntnisse zu dem Phänomen „Gewalt in der Pflege“ zu erlangen. Hier finden Sie eine kleine Auswahl an Ergebnissen aus der Aktenanalyse sowie der multiprofessionellen Interviewstudie.

2. Forschungsbefunde der Aktenstudie:

Ein wesentlicher empirischer Ausgangspunkt des Projektes war eine Analyse justizieller Akten der Staatsanwaltschaft bzw. Amtsanwaltschaft Berlin zu 354 Fällen von Gewaltvorkommnissen zum Nachteil pflegebedürftiger Menschen ab einem Alter von 60 Jahren, die im Zeitraum 2016 bis 2018 von der Polizei Berlin bearbeitet wurden. Ziel dieser Hellfeldanalyse war es, Kenntnisse über die Prozesse der Opferwerdung älterer Pflegebedürftiger, die Besonderheiten und Herausforderungen der Ermittlungsarbeiten in diesem Feld sowie den Verlauf und Ausgang des juristischen Verfahrens zu gewinnen.

Deliktsspektrum

Polizei und Justiz sind immer wieder mit Straftaten zum Nachteil Pflegebedürftiger befasst, auch wenn die Fallzahlen im Verhältnis zur Allgemeinkriminalität noch vergleichsweise gering sind.
In der folgenden Abbildung wird dargestellt, welche Deliktsgruppen wie häufig im Rahmen der Stichprobe vorkamen.

Deliktspektrum
  • Opfer (n=354)

    Namentlich bekannte Tatverdächtige (n=291)

    • Alter von 60 bis 101 Jahren
    • durchschn. Lebensalter 78 Jahre
    • 64% weiblich, 36% männlich
    • Alter von 22 bis 90 Jahren
    • durchschn. Lebensalter 55 Jahre
    • 39,5% weiblich, 60,5% männlich
  • Vulnerabilitäts- und Belastungsindikatoren:

    • 64% kognitive, neurologische, psychische Erkrankungen (vor allem Demenz)
    • 52% Mobilitätseinschränkungen
    • 25% krankheitsbedingte Kommunikationsbeeinträchtigungen
    • 39% persönliche Belastungen (Gesundheitsprobleme, Konflikte, akute (Arbeits-) Überlastung)
    • 34% pflegebedürftig nach SGB XI
    • 29% kognitive, neurologische, psychische Erkrankungen

Tatorte und Wohnsituation der Opfer

Wird der Blick auf die Wohnsituation gerichtet, ist zu erkennen, dass die Betroffenen zum Tatzeitpunkt zu gleichen Teilen (jeweils 44%) in Einrichtungen oder Privathaushalten lebten. Nach Angaben der deutschen Pflegestatistik wurden zum Jahresende 2019 (Statistisches Bundesamt 2020) jedoch 77% der pflegebedürftigen Personen ab 60 Jahren in der eigenen Häuslichkeit versorgt. So könnte die aus unserer Stichprobe hervorgehende Gleichverteilung der Wohnsituation der Opfer entweder darauf hinweisen, dass in Einrichtungen mehr Taten passieren oder begangene Taten in Einrichtungen häufiger zur Anzeige gelangen und das Dunkelfeld im Bereich der häuslichen Pflege als entsprechend groß anzunehmen ist.

Tatorte

Beziehung zwischen den Opfern und Tatverdächtigen:

Die Beziehung zwischen Opfern und Tatverdächtigen ist häufig durch eine formelle oder informelle Pflegebeziehung charakterisiert. In stationären Pflegeeinrichtungen sind die Tatverdächtigen neben Pflegepersonen auch häufig Mitbewohner:innen der Opfer. Im häuslichen Pflegesetting sind Tatverdächtige meist Mitarbeitende eines ambulanten Pflegedienstes oder (pflegende) Angehörige. Hierbei spielen insbesondere vorbelastete persönliche Beziehungen sowie die spezifische Pflegesituation eine Rolle, die zu wechselseitigen Aggressionen führen können. Auch Taten durch Fremde kommen – wenngleich deutlich seltener – vor.

Verfahrensgang
Kenntnis von den Taten erlangt die Polizei vor allem durch Personen aus dem opfernahen Umfeld. Die häufigsten Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber waren hierbei Angehörige oder beruflich bzw. ehrenamtlich Pflegende. In seltenen Fällen erfolgte eine Selbstanzeige durch die Tatverdächtigen. Auf die Anzeigenerstattung folgte ein breites Repertoire an polizeilichen Ermittlungsmaßnahmen. Am häufigsten wurden Befragungen bzw. Vernehmungen durchgeführt, Zeugen ermittelt oder Spuren gesichert.

In der nachfolgenden Abbildung ist der Verfahrensausgang dargestellt:

Täter-Opfer-Verfahrensausgang

Zu Verurteilungen kommt es bislang selten. Die Mehrzahl der Verfahren wird durch die Staatsanwaltschaften/Amtsanwaltschaften eingestellt, dies vor allem wegen nicht hinreichenden Tatverdachts (§ 170 Abs. 2 StPO).

3. Forschungsbefunde der Interviewstudie:

Der zweite empirische Ausgangspunkt des Projektes war eine Interviewstudie. Ergänzend zur Aktenstudie wurden 64 Interviews mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen des Handlungsfeldes geführt, um weitere Facetten des Phänomens „Gewalt in der Pflege“ zu beleuchten. Die Interviews gaben Aufschluss über Gefährdungspotentiale, Viktimisierungsrisiken und hiermit in Verbindung stehende kriminogene und protektive Faktoren. Zudem wurden die Expertinnen und Experten zu den Optimierungsbedarfen der Kenntniserlangung und Zugangs- und Kontrollmöglichkeiten im Bereich der Pflege und der bisherigen Zusammenarbeit der beteiligten Akteurinnen und Akteure befragt. Analysen des Interviewmaterials zeigen, dass aus Sicht der Interviewten Gewalttaten gegenüber Pflegebedürftigen wahrscheinlicher werden, wenn folgende Bedingungen vorliegen:

  • Täterseitige…

    • Überforderung
    • unzureichende Qualifikation
    • Rollenkonflikte
    • fehlende Inanspruchnahme von Beratungs-/Entlastungs-/Unterstützungsangeboten
    • fehlende Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner

    Opferseitige…

    • kognitive, psychische und körperliche Einschränkungen
    • herausfordernde Verhaltensweisen
    • Abhängigkeitsverhältnis zur versorgenden bzw. pflegenden Person/Einrichtung
  • Beidseitige…

    • wechselseitige Gewalt
    • soziale/räumliche Isolation
    • Vorbelastete (familäre) Beziehungen
  • … in Einrichtungen

    • Organisationsstrukturen
    • strukturelle Rahmenbedingungen wie Arbeitsbedingungen, Personalschlüssel

Demgegenüber werden von den Expertinnen und Experten folgende Handlungsansätze als gewaltpräventiv und die Wahrscheinlichkeit einer Gewalttat vermindernd erlebt:

  • Förderung sozialer Teilhabe von pflegebedürftigen Menschen
  • Aufbau eines unterstützenden Pflegenetzwerks informell Pflegender
  • Inanspruchnahme von Beratungs-, Hilfe- und Unterstützungsleistungen Pflegender
  • Bildung und Sensibilisierung von formell und informell Pflegenden
  • Reflexionsprozesse im Hinblick auf die eigenen Handlungen formell Pflegender
  • Implementation einer institutionellen Handlungsleitlinie zum Umgang mit Gewalt
  • (Fort-) Entwicklung einer Kommunikations- und Fehlerkultur

Ferner geben die Interviews Hinweise auf Probleme und Optimierungspotentiale in Bezug auf die polizeiliche Kenntniserlangung. Diese wird nicht nur durch die Anzeigebereitschaft, sondern auch durch die Tatentdeckungsmöglichkeiten beeinflusst (siehe Grafik).

ablauf Polizeiliche Kenntniserlangung

Hinzu kommt bei informell Pflegenden eine Handlungsunsicherheit im Hinblick auf die pflegerische Versorgung und den Umgang mit krankheitsbedingten Veränderungen der pflegebedürftigen Menschen sowie die Tatsache, dass viele nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen und wer adäquate Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sind.

Hinsichtlich potentieller Hindernisse der polizeilichen Ermittlungsarbeit in Fällen von Gewalt zum Nachteil pflegebedürftiger Menschen nennen die befragten Expertinnen und Experten für die Bereiche Tatnachweis und Täteridentifikation folgende Faktoren:

  • Fehlende Sichtbarkeit von Tatfolgen
  • Schwierigkeit der Unterscheidung von Gewaltfolgen und Folgen von (Mehrfach-) Erkrankungen
  • fehlende Tatzeuginnen und Tatzeugen
  • unbekannte Tatverdächtige
  • wechselndes Personal in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen in (teil)-stationären Einrichtungen sowie in ambulanten Pflegediensten
  • Quantität und Qualität der Pflegedokumentation
  • krankheitsbedingte Einschränkungen des Opfers, die die Aussage- und Vernehmungsfähigkeit beeinträchtigen

Um den genannten Herausforderungen begegnen zu können ist…

… eine Sensibilisierung und Spezialisierung durch Aus-, Fort- und Weiterbildungen der Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Handlungsfeld erforderlich. … die Sensibilisierung für das Phänomen “Gewalt in der Pflege” im Rahmen von (polizeilicher) Öffentlichkeitsarbeit zu fördern. … die Etablierung von zusätzlichen Kontrollmöglichkeiten und kommunalen Strukturen der Gewaltprävention förderlich.

Ebenso können Aufklärungsangebote durch die Polizei die Rechts- und Handlungssicherheit unter anderem der formell und informell Pflegenden stärken. Hinzukommt die Notwendigkeit zur Verbesserung der Rahmenbedingungen zur Versorgung von pflegebedürftigen Menschen. Ein wichtiges Optimierungspotenzial wird darüber hinaus in der engen und nachhaltigen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteurinnen und Akteure im Handlungsfeld Gesundheit und Pflege in Form eines Netzwerkes gesehen, in dem Prozesse abgestimmt und fortlaufend optimiert werden.

Übersicht der Forschungsbefunde zum Herunterladen

  • Forschungsbefunde aus Akten- und Interviewstudie "PaRis"

    PDF-Dokument (2.2 MB)

  • Präsentation zum Schulungsmanual für Polizeiangehörige

    PDF-Dokument (1.3 MB)

  • Polizeiliche Optimierungsansätze für die Bearbeitung von „Gewalt in der Pflege“

    PDF-Dokument (2.2 MB)

  • Abschlussveranstaltung vom 07.12.2021 auf YouTube

    DOWNLOAD-Dokument