Die goldene Spandauer Ehrennadel 2023

Spandauer Ehrennadel 2023_Gruppenfoto

v.l.Bezirksbürgermeister Frank Bewig, Sylvelin Heger, Gabiele Prossmann, Rolf Jacubeit, Norbert Überfeld, Michael Heyer, Margit Rehfeldt, Klaus Will, Vorsteher der BVV Christian Heck

Norbert Überfeld

„Redet einer schlecht von Dir, so sei es ihm erlaubt. Du aber lebe so, dass es ihm keiner glaubt“ – so Norberts Leitspruch. Geleitet hat er in seinem Leben ne Menge, auch wenn gleich klar war, dass er so nen Quatsch wie Klassensprecher nicht macht, auch wenn die Großmutter Karl Liebknecht persönlich kannte. Zum Knecht hat er sich nie gemacht, dafür hat er ein viel zu großes Maul, wie er selber protokolliert. Protokollieren tut er auch im Repair Cafe wo „Kuchen und Kaffee genauso wichtig sind, wie Messgerät und Dreher“! Nen „Dreher“ war er eigentlich nie so richtig, wer aber auf die Frage was sein schönstes Geburtstagsgeschenk war, antwortet „Ich selber“ muss schon nen geiler Typ sein!

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Norbert Überfeld.

Norbert Überfeldt hat was von einem nie alternden Sunnyboy, als wir uns an einem der letzten warmen Oktobertage ins Freie vor dem Charlotte in der Altstadt setzen.
Norbert ist „Original“, positiver Antreiber, aber auch gern Frontschwein.
Nachdem der Milchkaffee mit ausreichend Zucker vermengt ist sagt er lächelnd“ „Dann frag mal, wat du wissen willst“ und da Überfeldt randvoll ist mit Geschichten, Anekdoten und Begebenheiten ist, gibt’s eine Menge zu ergründen.Ich merke aber schnell, Überfeldt ist nicht nur der gutgelaunte „Projekt Hallodri“, sondern viel mehr. Selbstreflektiert, gern hinterfragend und immer noch mit Neugierde beseelt, die deutlich über lockere Sprüche und kumpelhaftes Verhalten hinausgeht.
„Wer mich authentisch anspricht, bekommt eine authentische Antwort“. Ich mags gerade und klar und das ist Norbert Überfeldt.

Norbert Überfeldt macht am 09.06.1949 Krawall in Kreuzberg bei seiner Geburt. Mitunter auch ein literarisches Datum, wie Norbert verrät, da der Roman „Nicht ohne meine Tochter“ auch mit diesem Datum beginnt.

Der kleine Norbert wird sprichwörtlich mit etwas Zucht und Ordnung groß.
„Meine Eltern haben mich schon geliebt, aber es gab auch Prügel“ erinnert er die Zeit.Die Mutter ist Versicherungsangestellte und der Vater 21-jähriger Autoschrauber und das Nachkriegsgefühl verbindet er mit Trockenmilch von der Kirche.Der kleine Racker hat Glück, dass er nicht ein Leben lang im Hausarrest verbringt und hat in der Penne für „so nen Quatsch wie Klassensprecher keine Zeit“.

Trotz Klassenclown Kaspereien, einer ausgeprägten Schlagfertigkeit und dem Motto: „Keiner macht mehr als er muss“ wird er als guter Schüler die Hauptschule abschließen.
Das Talent des Quatschens wird ihm bis heute treu bleiben, aber der Besuch einer weiter-führende Schule wird ihm nicht vergönnt sein.

„Der soll arbeiten“, macht der werte Herr Vater unmissverständlich klar und auch mit 14 ½ Jahren weiß Norbert ganz genau, dass er zukünftig die schwarzen Werkstatthände seines Erziehungsberechtigten nicht will, sondern eher was mit Kopf und Schnauze.

Obwohl Tendenzen zum Marktschreier oder Vortänzer nahe liegen, wird Norbert in die seriöse Groß – und Außenhandelskaufmann Welt eintauchen und dann elf Jahre bei Bosch arbeiten. Mit 17 ist er ausgelernt, verdient jetzt Kohle, träumt vom eigenen Auto, kann mit 17 aber keinen Führerschein machen.

Das tut der guten Laune und einer gewissen Ausgelassenheit aber keinen Abbruch.„Ich war überall unterwegs, es gab Mädels ohne Ende und ich hatte Haare wie Weizsäcker“, gibt er mir mit einem durchaus spitzbübischen Lächeln zu verstehen.

Die folgenden Jahre sind durchaus von wechselnden Freizeitaktivitäten geprägt.Evangelische Jugendarbeit, Einsatz im Landesjugendring, Mitglied im Gemeindekirchen-rat, Organisation von Theaterstücken und mit 25 Jahren auch ein beruflicher Wechsel zu Opel.

Hier entdeckt er mit nem Kumpel den Faible für Autorallys und seinen Opel Ascona. „Heidi Hetzer war gar nicht begeistert, dass wir das machen“, beteuert er. Begeistert war Sie wohl auch nicht, dass Norbert „wegen seinem Maul“ wie er das dezent wiedergibt im Betriebsrat bei Opel landet. Ein gewisser Gerechtigkeitssinn und seine höflich schnoddrige Art bescheren ihm nicht überall Beliebtheit. Welch Wunder wenn man der Chefetage zu Weihnachten mit dem belletristischen Werk „Nieten in Nadelstreifen“ eine Freude bescheren möchte.

1978 entsteht aus einer flüchtigen Bekanntschaft Tochter Bianca, die mit 14 zu Ihrem Vater sagen wird: „Die meisten tun so, als ob sie cool sind, du bist es!“

Das er nebenbei noch linke Züge besitzt, Gründer der „Alternativen Liste war“, 1967 in unmittelbarer Nähe vom Todesort Benno Ohnesorgs war, die Initiative „Gewerkschaft gegen Atomstrom“ unterstützt, gehört zu seiner Vita, wie seine flotten Sprüche.

Mitte der 90er lernt er die 23 Jahre jüngere Yvonne kennen und lieben, schafft mir Ihr häusliche Verhältnisse in Kreuzberg und krönt dies mit der Geburt seines Sohnes im Jahr 2000 – beide werden ihn bis heute begleiten.

2007 wird er in Spandau landen und sich um seine Mutter kümmern, die einen Schlaganfall und eine Krebserkrankung erleidet – er wird Spandau bis heute verbunden bleiben.

Hier findet er relativ schnell ehrenamtlichen Anschluss an die „Tafel“ im Paul-Schneider-Haus , sitzt dort auch im Ausschuss und schreibt nebenbei aus Interesse 2011 einen Energieleitfaden für Grundschulen – inspiriert durch Recherchen, das zum Beispiel in Bel-gien Discos Energie durchs tanzen erzeugen.

Diese kreative Umtriebigkeit führt ihn auch in die heiligen Hallen des Bezirksamts, genauer gesagt in Zimmer 404 zu Herrn Krämer, seines Zeichens Mitinitiator der heutigen Klimawerkstatt.

Anscheinend sprang der kommunikative Funke über und endete mit dem Satz: „So Leute wie Dich können wir hier gebrauchen“ und einer Anstellung auf Honorarbasis. Gut eineinhalb Jahre tummelt er sich in den Räumlichkeiten der Klimawerkstatt, plant Ausstellungen, lernt den Botschafter Ecuadors kennen und überzeugt mit seiner Art.

2012 geht er dann in den wohlverdienten Ruhestand, aber auch nur um 2013 nochmal richtig ehrenamtlich auszuholen und die ersten Repair-Cafes in Spandau aufbaut und betreut – das wird er bis heute auch nicht sein lassen.

Hier wird altes wieder funktionsfähig gemacht, kaputtes repariert und mit freudiger Begeisterung gefummelt und gewerkelt, bis der Normalzustand wieder erreicht ist.

„Kuchen und Kaffee sind hier genauso wichtig wie Dreher und Messgerät“, sagt er zu seinen Repair-Cafe Babys.
Hier wirbelt und organisiert er mit rund 27 Mechanikern verschiedener Colleur zweimal im Monat im Paul-Schneider-Haus und im Stadtteilladen in der Wilhelmsstadt. Das er mit werkeln und schrauben eigentlich nicht so richtig kann fördert nur sein Organisationstalent, seine Teamführung und seine empathische Menschenkenntnis.

Das er nebenbei noch Kleider- und Geschenketauschveranstaltungen organisiert, da Projekt „Wanderküche“ und „Gemeinsam gegen einsam“ initiitert, gehört irgendwie zu seiner ansteckenden Rastlosigkeit dazu.

Für jemanden der, wie er sagt „interessante Menschen“ sammelt, schon immer keine Zeit hatte und irgendwie daherkommt, als hätte er die gute Laune und das Sprücheklopfen mit erfunden. Er sagt das das auf die Gene der Großmutter zurückzuführen ist, die eng verbändelt mit Karl Liebknecht war und lacht dabei das herzliche Lachen, das jeder kennt, der ihn kennt.

Wunschlos glücklich ist er, bereut lediglich, dass er nach der Ausbildung nicht auf Volkswirt studiert hat, sondern ihm der Mammon wichtiger war – beeindruckend, wenn das der einzige Wehrmutstropfen seines Lebens ist.

Du machst Spandau nachhaltiger, besser gelaunt und ich hoffe, dass du deinem Traum eines Mehrgenerationenhauses in Spandau noch erfüllst und weiter Spaß bei Gehirndokus und nem guten Schmöcker hast.

Im Gespräch fiel der Satz, dass du dich selber als dein schönstes Geburtstagsgeschenk empfindest – sei versichtert Du bist auch für Spandau ein Geschenk.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 für Norbert Überfeld.

Michael Heyer

Michael Heyer wirkt auch mit zwei künstlichen Knien beweglich, redegewandt und fast ein bisschen beseelt. Aufregung lässt er sich nicht anmerken, aber Anfangs beantwortet er meine Frage schon ohne dass ich sie komplett ausgesprochen habe.
Er ist sprichwörtlich fit im Kopf, kommt in Plauderlaune und schweift auch gern ausführlich ab, was mich zum Zuhören bringt und am Ende des Gesprächs auch zu der Frage, ob sein Leben bis jetzt fast eine Bilderbuch – Geschichte ist, denn seine Erzählungen sind geprägt von Erfahrungen, Einsichten und Erlebtem, aber enden fast immer im Positiven.
Schön zu hören, dass es so etwas noch gibt.

Extrem sympathisch, verantwortungsbewusst und glücklich!

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 – Michael Heyer.

Michael Heyer sagt der Welt am 23.09.1947 in Zehlendorf, nahe dem Wansee „Hallo“.
Er entsteht aus „wilder Ehe“ und wird zukünftig ohne Vater groß werden.
Die ersten Schritte mit Paukern macht er in der Hubertus-Schule, die unüblich um 8:10 Uhr mit der ersten Stunde beginnt. Grund hierfür ist die geringe Schuldichte in Kladow, was zur Folge hat, dass die Kinder mit der Fähre „rüberschippern“, die leider erst kurz nach Acht am Ankerplatz strandet.

In dieser Zeit entwickelt der kleine Micha auch eine jugendliche Selbstständigkeit. Die werte Frau Mama muss den Lebensunterhalt erarbeiten und er lernt früh Selbstorganisati-on, in Bezug auf Mahlzeiten, Mathehausaufgaben und Mitanpacken.
Eine Charaktereigenschaft, die ihn bis heute kennzeichnen wird.

Die Oberschule wissenschaftlichen Zweigs, wie sich das Dreilinden-Gymnasium damals nennt erweist ihm die Ehre das Amt des Klassensprechers inne zu haben und in der siebten Klasse zwei Tadel und 27 Verwarnungen.

Von Micha als „Racker“ zu sprechen, wäre vermessen, aber ihn als Sprachrohr und positiven Anstifter zu sehen, trifft es.
In frühen Jahren begleitet er seine Großmutter, die Allgemeinärztin ist bei Hausbesuchen und träumt davon ihre Praxis zu übernehmen, entscheidet sich aber schlussendlich mal Studentenleben und Jura auszuprobieren, nebenbei im Straßenbau das Flugfeld des Flughafen Tempelhofs zu teeren, in der evangelischen Jugend die Beatles-Coverband „Breakliners“ zu gründen und einen schnittigen VW-Käfer zu fahren.
Klingt nach Freiheit, sich treiben lassen und einen Lebensstil der Verantwortung nicht ganz so wichtig nimmt.

Und mit Anfang 20 heißt es dann: wild, aufregend und spannend! Nach drei Semestern Paragraphen, Rechtsprechung und Latinum zieht es ihn 1968 als Industriekaufmann zu Schering – dem Unternehmen wird er 44 Jahre treu bleiben und „die ganze Welt betreuen“, wie er es nennt.

Mit 23 verlässt er das heimische Nest und zieht nach Schöneberg in die erste eigene Bude, kann aber nicht so ganz entspannen und abschalten „weil Mutter einmal die Woche kommt und saubermacht“, wie er erinnert.

Da er nicht ganz die Voraussetzungen des Weiberhelds erfüllt, gilt er in der gemeinen Selbstwahrnehmung auch als „Spätzünder“. Und dahingehend steht man selbst bei offensichtlichen Annäherungsversuchen gern mal auf der Leitung.Kollegin Edda holt mit strukturierter Sturrheit täglich die gleichen Dinge aus Michas Büro. Azubi Gerhard Heinle, wird mit der Frage: Merkst du eigentlich, dass die immer die gleichen Dinge aus deinem Büro schleppt“, zum Rudi Carrel, der auch hätte verlauten können „Wer soll nun dein Herzblatt sein!“

Auf der betrieblichen Weihnachtsfeier wird erinnert, dass erste Annäherungen an der „Stechuhr“ stattfand – wo auch sonst….
Zum knallen kommen die beiden endlich 1971 bei ihrer Heirat am Sylvesterabend, Edda bringt eine sechsjährige Tochter mit in die Ehe und Heimat wird Lichtenrade, die mit der Geburt von Sohn Nikolas 1973 vergoldet wird.

1979 wird der Lebensmittelpunkt nach Kladow verlegt oder wie Micha es beschreibt:“ Hier ist es eigentlich wie in Nikolassee – nur jenseits des Wassers“ – Kladow werden Sie nicht mehr verlassen und ihrer Liebe über 50 Jahre treu bleiben.

Das seine Frau eine Ausbildung zur Pflegemutter macht und Sie sich noch 10 Jahre um adoptierten Pflegesohn Manni kümmern und nebenbei noch zwei Hunde im Hause Heyer Ihr Zuhause finden, ist hierbei nur ein weiteres Indiz für die soziale Kompetenz und auch den ganz privaten Einsatz, den er lokal deutlich ausbauen wir.

28 Jahre ist er ehrenamtlich im Gemeindekirchenrat der Dorfgemeinde Kladow unterwegs, wird großer Lektor, ist Mitglied der Kreissynode, gestaltet auf seine ganz eigene Art rund 30 Gottesdienste im Jahr, engagiert sich jahrzehntelang im SF Kladow, ist Vorstand, Initialzündung zur Gründung einer Tennisabteilung, Leiter der Fußballabteilung, neben-bei noch ehrenamtlicher Schöffe und Lesepate in der Grundschule Amalienhof.

Das er nebenbei 2012 in die verdiente Pensionierung kommt, ist wie Sie hören, nur der Anfang des gemeinen Unruhestands.

Michael Heyer ist gradlinig, intelligent und emphatisch, einfühlsam und solidarisch geprägt, mit einem sicheren Rechtsgefühl und er ist ein „glücklicher Mann“, wie er mir verrät, als ich frage ob sein bisheriges Leben eine Erfolgsgeschichte ist.

Unbewusst drängt er immer wieder in Verantwortung, hat als adretter beruflicher Jetsetter von Korea bis Kolumbien alles gesehen, aber in Kladow sein Schaffensfeld verortetet und dies bis heute gehegt und gepflegt.

Einzig die Kraftreserven werden heute gezielter eingesetzt, die Mittagsruhe ist existenzieller Jungbrunnen, die er braucht um sich weiter Gedanken zu machen, wie er die nächste musikalische Andacht gestaltet, um das nächste Spiel der alten Dame Hertha zu unter-stützen und seine vier Enkelkinder zu bespaßen.

Auf das du weiter eine guten Runde Bridge nicht abgeneigt bist, dir die Ken Follet Bücher nicht ausgehen, du weiter dominant diskutierst und im positivsten weiter in Verantwortung drängst.

Denn Menschen mit dieser Einstellung sind heute rar.

Die goldene Spandau Ehrennadel 2023 für Michael Heyer.

Sylvelin Heger

Mit 50 Jahren gehört man zum alten Eisen, diese These trifft auf Sie nicht ganz zu.
Treffsicher war sie auf alle Fälle im spießigen Schwabenland und hat mit Ehemann Wolf-gang zur Gentrifizierung in Spandau beigetragen. Getragen hat sie auch über zwei Jahr-zehnte die Idee, das Bildung garnichts bringt, wenn man nicht lesen kann. Lesen konnte Sie mitunter auch Ihren Gehaltsscheck, der deutlich niedriger ausfiel, als der der männlichen Kollegen! ….und was sagt die Heger dazu: „Ich hab mir nie was gefallen lassen und den nächsten Monat hatte ich genauso viel auf dem Lohnstreifen!“
Lesen bildet, also kein Wunder das das ehrenamtliche Engagement die Überschrift „Team Lesespaß hat“!

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 – Sylvelin Heger.

Sylvelin Heger ist eine Dame, der man nichts abschlägt. Ein gewisses Temperament schimmert immer wieder durch, zur Unterstützung macht sie ausschweifende Handbewegungen, um Dinge zu unterlegen, auch mal ausschweifend zu berichten oder blumig aus-zuschmücken. Ich merke, dass Sie mir ab und an auf die Lippen schaut, um Wörter besser zu verstehen, fast ablesen zu können. Gelernte Lebenserfahrung, wie sie mir zu verstehen gibt, da sie seit dem siebten Lebensjahr nur noch begrenzt und lediglich mit Hilfsmitteln hören kann. Aber dies ist nur eine von vielen Geschichten aus ihrem Leben, die Sie unter-legt mit dem Satz: „ Wenn ich morgens die Augen aufbekomme und den Kopf hoch dann läuft es!“

Durchsetzungsstark, mit einem sozialen Kompass ausgestattet und verdammt klar.

Sylvelin Heger ist waschechte Spandauerin und wird am 02.11.1946 unseren Bezirk bereichern.

Die Mutter ist Bezugsperson, die sich als Sekretärin durchlschägt. Da die werte Frau Mama mit sechs jüngeren Geschwistern groß wird, ist auch die Erziehung der kleinen Sylvelin streng und von Temperament geprägt – ein Wesenszug denn man heute durchaus bei Ihr wiedererkennt.

Die Kindheit ist behütet, auch wenn sich bei Ihr eingebrannt hat, dass Sie ihren Großvater nie lachend erlebt hat und sie zukünftig auch noch zwei jüngere Brüder bekommt.
Die Schulzeit an der Lilly-Braun hält nur „Lieblingsfächer“ bereit, die Erinnerung an den modischen Lehrerschick der 50er mit Seidenbluse, Plaise-Rock und Stützstrümpfen und an Chor, Handarbeit, Handball und Theatergruppe – sie wir die Schulzeit mit dem Abi abschließen.
Doch der Freudentaumel sich in einem neuen Lebensabschnitt zu schmeißen ist getrübt.

Die Mutter ist kränklich, fordernd und sieht in Sylvelin Krankenschwester und Hauswirtschafterin in einer Person. Ein Umstand der an Ihr nagt und sie dazu bewegt der häuslichen Umklammerung zu entfliehen.

Ziel ist hierbei ein Landstrich, wo man alles kann außer hochdeutsch, wo man verstörende Aussprüche wie „schaffe schaffe häusle baue“ vernimmt und Schupfnudeln und Maultaschen verspeist.

Sylvelin wird ein sozialpraktisches Jahr absolvieren, sich um lernbehinderte Kinder kümmern und bei Ihrer Ankunft von „Kulturschock“ sprechen, als Sie dieses in Ravensburg in Baden-Württemberg antritt.

Ein Jahr später wird Sie mit angereichertem Erfahrungsschatz aus dem südlichen Ausland, vielen Eindrücken und mit einem schwäbischen Anhängsel zurück in die Spandauer Gefilde kommen.
Wolfgang der „freundliche Klugscheißer“, wie sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln beschreibt ist adretter Chemiestudent, bringt die spontane Sylvelin auch heute noch zum Lachen und reist in Spandau ein, als die Mitzwanzigerin eine Kaufmannslehre bei Hertie in der Altstadt beginnt.

Damals sind wohnliche Umstände noch mit Schlagworten, wie „Wirtin“, „Toilette halbe Treppe tiefer“ und dem „Verkupplungsparagrafen“ verbunden, der Förderung und Tolerierung außerehelichen Geschlechtsverkehrs (sogenannte Unzucht) unter Strafe stellte.

Somit nutzt Wolfgang die gesamte Klaviatur der Romantik 1973 und die Gunst der Stunde, da die Wirtin des Hauses über männlichen Zuzug dezent begeistert ist und fragt voller emotionaler Inbrunst: „Ich wollte dich fragen, ob wir heiraten wollen!“ – eine Verbindung die dieses Jahr 50-jähriges Bestehen feierte.

1976 scheint eigentlich alles perfekt mit der Geburt des gemeinsamen Sohnes, doch das Schicksal hält für die Beiden einen anderen Weg bereit. Einen emotionalen, einen zerreißenden, einen prägenden, einen tragischen, einen unvorstellbar leidvollen Weg.
1997 wird nach einem Martyrium sein Lebenslicht erlischen und er wird seine Eltern zu-rücklassen.

Alleingelassen vom Staat, mit einer schmerzenden Gefühlswelt und mit der Einsicht, dass ihr die „Bude auffen Kopf“ fällt, versucht die fast 50 jährige Sylvelin ihre Lebensgeister nochmal zu motivieren, zu wecken und anzustacheln.

Nachdem man Sie beim Jobcenter belächelt und ihr den hochmotivierten Satz: „Mit 50 kriegen sie doch keine Arbeit mehr!“ mit auf den Weg gibt, stößt sie zufällig auf eine An-zeige im wichtigsten gedruckten bezirklichen Printorgan, dem „Spandauer Volksblatt“.
Und hiermit beginnt dann eine durchaus amüsante, empathische und lustvolle über zwei Jahrzehnte währende Reise, mit und um dem Verein „Team Lesespaß“ , der sich um kindliche Fragen kümmert wie: „Weißt du was über Pinguine?“

Das Angebot richtet sich an Kinder zwischen der ersten und sechsten Klasse und soll spielerisch und empathisch den Weg zum Lesen ebnen, so der wilde Plan der acht Menschen, die Anfang der 2000er, die Idee jeden Dienstag zwischen 16-17 Uhr in der Bezirkszentralbibliothek in Spandau zum Leben erwecken.

Wunsch und Ziel ist es sich nicht an Schulen zu orientieren, sondern mit Bastelformaten, in Spielformen und durch Vorlesen Kinder dazu zu bringen, mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen hantieren zu können. Also kommt es wie es kommen muss, 2002 wird Sylvelin Koordinatorin der Gruppe und ist auch mal mit 20 Kindern allein auf weiter Flur, denn das Konzept kommt an. So sieht das auch Frau Rein aus der Zentralbibliothek, die zwar mit lobenden Worten, aber nicht mit finanzieller Mitteln glänzen kann, aber Frau Hegers kommunikative Art zu nutzen weiß.

„Frau Rein hat mich zum Betteln geschickt“, erinnert sich Sylvelin und hat Erfolg. Es finden sich Möglichkeiten in und um das Bezirksamt – bis heute.

Wer dem Irrtum aufsitzt eine Stunde die Woche ist ja sehr überschaubar, der verkennt das Projekt, die Lebensfreude und das Herzblut.

Die Vorbereitung von kreativen „Lesestoff Spielen“, das Matchen unterschiedlicher Charaktere mit dem richtigen Lesepaten, der Austausch mit Eltern, die Festigung von Normen und Regeln, wie „Wir kauen keinen Kaugummi in der Bücherei“ oder die Grundtendenz, wie man mit einem „Buch Bingo spielt“, Aufsässigkeit oder auch Renitenz der kleinen Racker inklusive, ist Arbeit.

Die gemeine Stunde ist lediglich die Bühne und die Organisation, der Aufwand, die Vorbereitung, das was dazu gehört und immense Zeit kostet.

Sylvelin Heger und ihr Team prägen Lebenswege, begleiten diese weit über das „Team Lesespaß“ hinaus und wecken Emotionen die berühren.

„Du bist genauso lieb wie meine Oma, aber schicker“, tut ein kleiner Mann mal kund und zum nächsten Treffen wird die Oma einfach miteingeladen, um das zu überprüfen.

Ihre Augen leuchten als Sie das erzählt, sagt aber auch Sätze wie: „Kinder sind blockiert, weil die Eltern es so wollen“ oder auch „Wenn man die Kinder locken kann, ist alles in Ordnung!“

Am 1. Mai 2023 hat Sie ihr Engagement beendet, „weil du ab 75 Baustellen kriegst“, reflektiert Sie Ihr Alter.
Sie hat Ihren Beitrag geleistet, als Vorleserin, Sozialarbeiterin, psychologische Stütze, Erziehungsratgeber, kreative Koordinatorin und Plaudertasche.

Das Team hielt Ihren Ausstieg für einen Scherz, die ersten Monate danach, hat sie vom „Team Lesespaß“ geträumt.

Nun frönt sie mit Ihrem Mann dem Reisen, in verschiedene Bundesländer, nach Korfu, nach Lemona am Gardasee oder dem Zweitdomizil in Baden Württembergischen Wilhelmsdorf, ihr Mann quittierte den Ausstieg nämlich eher mit dem Satz: „Hurra, jetzt geht’s los“!

Für jemanden, der im Kleinen viel bewirkt hat, sich seinem Tun hingegeben hat und immer mit dem „Team Lesespaß“ verbunden sein wird.

„Alles was gut ist verschwindet“, sagt Sie am Ende unseres Gespräches.
Du bist immer noch da und darauf kann Spandau stolz sein!

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 für Sylvelin Heger.

Margit Rehfeldt / Klaus Will

Wer kann schon behaupten, meine Telefonnummer hängt im Knast – die beiden können.
Margit und Klaus sind Kummerkasten und Lebenshilfe für 200 inhaftierte Nachbarn in unserer Umgebung. Kirchlich geprägt sind beide auch wenn der eine von den „junge
Pionieren“ träumte und die andere von „was mit Menschen und Haaren“. Sie sind auf alle Fälle auch Täter, aber Überzeugungstäter. Und Sie setzen in die Tat um, mit Empathie, Einfühlungsvermögen und unbändiger Energie.

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 – Margit Rehfeldt und Klaus Will.

Margit Rehfeldt und Klaus Will wirken eingespielt in unserem Gesprächstrio
und geben mir während des gesamten Gesprächs zu verstehen, dass Sie sich selbst nicht so wichtig nehmen – für mich immer ein akutes Zeichen, dass Sie verdiente zu Ehrende sind. Margit Rehfeldt gibt mir patente, klare und auch mal kurze Antworten. Klaus Will hat etwas positiv plauderlastiges, hinterfragt, dreht und wendet meine Fragen oder macht mich darauf aufmerksam „was ich nicht frage“- ich bin begeistert, dass ich Gesprächsführung auch mal abgeben kann, denn das ist in meiner Kommunikationskugel eher selten der Fall. Beide sind durch Ihr Leben kirchlich geprägt und verkörpern dies unaufdringlich aber deutlich spürbar. Beide „wurden da hingestellt“, beschreiben Sie den Grund für ihr Engagement.

Zwei Menschen, die das Wort Nächstenliebe für sich ganz eigen interpretieren und täglich Lebenswelten, Lebensbrüche und Lebenswertes miterleben.

Kirche, Kommunikation und konkrete Lebenshilfe.

Während Margit standesgemäß am 28.04.1950 in der Lynarstraße das Licht der Welt er-blickt, müssen wir bei Klaus am 13.11.1942 nach Berlin-Mitte.

Beide werden ohne den werten Herrn Vater groß. Nach den Kriegswirren sucht man im Berlin vergeblich nach Spielplätzen, was dem Spaß keinen Abbruch tut, denn Klaus und seine Freunde empfinden die Trümmerfelder der Stadt als abenteuerliche Spielwiese und die kleine Margit erinnert die Spandauer Hinterhöfe als Oase – gelobt sei kindliche Fantasie.

Zum Pauken habe beide höchst unterschiedliche Prägungen. Während Margit ausschließlich Spaßfaktor beim Verfassen von Aufsätzen und Diktaten hat, ist Klaus auch heute noch ein gewisser Freudentaumel zum Thema Schule ins Gesicht geschrieben.
Sein Antrieb als Steppke ist der Beitritt zu den „Jungen Pionieren“, die erste politische Massenorganisation der ehemaligen DDR – Leitspruch „Seid bereit! Immer bereit!“
Ein Leitsatz, der trotz unterschiedlicher Lebenswege, bis heute eine gewisse
Aktualität bei Beiden hat – dazu später mehr.

Auch die Berufswünsche könnten unterschiedlicher nicht sein.
Der einen dürstet es nach „was mit Menschen und Haaren“, der Andere stellt sich existentielle Fragen und möchte „Wissen anregen“ und „Wege zu Lösungsansätzen finden“.
So kümmert sich Margit in der Ausbildung um Wickler, Wellen und Waschtisch und Klaus um Glauben, Geschehnisse und eigene Gleichnisse.
Friseurausbildung und Diakonausbildung – verschiedene Orte der Kommunikation und doch Training, für das was da noch kommt.

Margit wird aus gesundheitlichen Gründen den Friseurberuf an den Nagel hängen, 1971 Tochter Claudia zu Welt bringen und mit Kind, Mann und Kegel in Hakenfelde den Haus-halt schmeißen.

Klaus bringt „Theorie und Praxis“ zusammen, wird eine Pfarrausbildung in Göttingen ab-schließen, 1975 in Moabit eine Pfarrstelle antreten, 1977 seine große Liebe kennenlernen und in der Spandauer Waldsiedlung sein Zuhause finden.

Zwei unterschiedliche Lebensentwürfe, zwei unterschiedliche Charaktere und doch eine gemeinsame Leidenschaft – die Wichern-Radeland-Gemeinde.

„Ich bin in die Gemeinde reingewachsen“, beteuert Margit Rehfeldt. Was mit Einkäufen für Nachbarn angefangen hat, erweitert sich mit der Gestaltung von Kinderbibelwochen und gemeinsamen Frühstücken und führt dazu, dass Sie auch sieben Jahre im Gemeindekirchenrat tätig ist bis heute den wöchentlichen Seniorennachmittag gestaltet.
Klaus Will verschlägt es beruflich nochmal nach Charlottenburg, wo er dem Thema Schulpädagogik seinen Stempel aufdrückt, bis er 2006 den Titel „Pfarrer in Rente“ trägt und eigentlich sein Auftrag erst richtig beginnt.

Themenswechsel
Wir alle sind nicht frei von Fehlern, doch sind verantwortlich für unsere Taten. Schlagen wir dahingehend über die Stränge, bleiben uns weitreichende Konsequenzen nicht erspart – Justiz und Rechtsstaat entscheiden über Maßnahmen, Strafe und Folgen.

Irgendwann ist etwas schiefgelaufen im Leben: eine Situation ist eskaliert, eine Geldstrafe wurde nicht beglichen oder eine Gelegenheit hätte nicht genutzt werden sollen. Und jetzt bist du hier und jemand anders bestimmt, wann du was wo tun darfst. Das ist schwer aus-zuhalten. Noch schwerer wird es, wenn du nicht weißt, wie lange diese Situation andauert. Menschen sind nicht gut darin, Unsicherheiten auszuhalten.
Können wir nachvollziehen, wie Freiheitsentzug sich anfühlt, wie soziale Kontakte abebben, wie es ist Wohnung und Job zu verlieren, wie einem das Leben, wie wir es kennen, entgleitet? Vielleicht haben wir eine Vorstellung, aber wahrscheinlich keine Ahnung, von unseren 200 inhaftierten Nachbarn in der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde und der Maßgabe des offenen Vollzugs.

Bei Margit Rehfeldt und Klaus Will ist das anders, denn Sie sind Rettungsboote, Hilfeleinen und Rettungsringe – Sie sind seit über einem Jahrzehnt die ehrenamtliche Gefängnisseelsorge.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, für die Gefangenen der Justizvollzuganstalten in Hakenfelde da zu sein. Die Standorte Niederneuendorfer Allee und Kisselnallee in Spandau sind Justizvollzugsanstalten (JVA) des offenen Vollzugs, d.h. die Insassen dürfen tags-über die Anstalt verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Doch ehe es soweit ist, müssen die Frauen und Männer mit unterschiedlichen Biografien eine Wartezeit von zwei bis 14 Wochen aushalten.

Kommt es zu einem persönlichen Gespräch, das der absoluten Schweigepflicht unterliegt, hört man schnell mal „ein Leben in einer Stunde“, sagen die Beiden, die jeden Mittwoch zwei Stunden ihr Angebot in einer Räumlichkeit der JVA anbieten dürfen.

Das diese Seelsorge weit darüber hinaus geht, merke ich als Klaus Wills Telefon klingelt, er abhebt und dem Anrufer höflichst bittet später zurückrufen zu dürfen und mir danach fast unangenehm erklärt: „Das war jetzt nicht geplant, aber das war ein Freigänger der JVA!“

Die Telefonnummern der beiden hängen in der JVA und sie sind fast durchweg erreich-bar, Sie betonen das das dieses Engagement ohne die Menschen der Gemeinde nicht denkbar wäre, loben Superintendent Florian Kunz, der Fortbildungen fördert und unter-stützt, das man eine Vereinbarung hat, dass Inhaftierte auch einfache Arbeiten auf dem Kirchengelände durchführen dürfen, das man sich empathischen Nachwuchs für diese Aufgabe wünschen würde und das man Abendgottesdienste für die Freigänger in der Gemeinde, aber auch zu Weihnachten in der JVA durchführt.

Sie loben ihr Umfeld und die Voraussetzungen die Andere für sie schaffen, eine löbliche Eigenschaft, an der wir alle uns ein Beispiel nehmen sollten.

Verständnis und Zuhören. Das ist die Grundlage der Gefängnisseelsorge. Ohne Empathie geht es nicht. Das heißt nicht, Vergehen zu rechtfertigen, sondern den Menschen offen und respektvoll zu begegnen und sie nicht zu verurteilen. Dann gewinnen Gespräche an Tiefe und gehen über Alltagsprobleme hinaus zum Austausch über Schuld und Vergebung. Solche Gespräche erweitern den Horizont von Seelsorgern und Gefangenen.

„Was wir wiederbekommen ist genauso viel, wie wir geben“, sagt Margit Rehfeldt und Klaus Will fügt an, „dass sich beide zu dieser Aufgabe berufen fühlen.“

Mehr ist dem nicht hinzuzufügen.

Für Einsatz um verschiedenste Lebenswelten, auch unschönen Schicksalen und akuten Lebensbrüchen, die ihr sprichwörtlich versucht ins Reine zu bringen und mit Respekt und Demut begegnet.

Auf das Euch sowohl das Katze streicheln und das Eintauchen in die heimische andere Welt mit Kraft versieht, um diese einzigartige Motivation für die Seelsorge aufrecht zu erhalten, denn ihr seid in der Justizvollzugsanstalt Überzeugungstäter.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 für Margit Rehfeldt und Klaus Will.

Gabriele Prossmann

Wedding, Magdeburg, Peenemünde, Spandau, kling nach einer komischen Reise. Reisen hat Sie einige in Ihrem Leben beschritten, auch wenn Sie nicht immer gleich das Ziel gefunden hat. Wiedergefunden hat Sie auch sich selbst, dass aber erst nach einer Traumatheraphie, die den Namen nicht verdiente. Verdient hat sie ihre Brötchen lange in einem Amtsgericht, das ging aber nicht lange gut, denn „Klugscheißer mag keiner“, wie Sie selber sagt. Heute sagt Sie eine Menge zum Thema Depression, Sucht oder Borderline. Klingt nicht so richtig massenkompatibel, aber das war Sie noch nie und daher klären wir auch eine grundlegende Frage, die sie selber aufwarf: „Große Klappe, seelisch krank-wer braucht denn sowas?“

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Gabriele Prossmann.

Gabriele Prossmann ist etwas angespannt und zurückhaltend, als wir im Rathaus aufeinandertreffen. Sie sondiert mich und den Raum – ihre Augen wandern unruhig hin und her, aber sie lässt sich diesen Umstand nicht anmerken. „Früher wären solche Treffen nicht möglich gewesen“, lässt Sie mich mit einem Lächeln wissen. Ich stutze, frage aber trotzdem was Sie mir damit sagen will. Die folgenden zweieinhalb Stunden tauchen wir in einen Lebensweg ein, der Unsicherheit, Ungemach und Untiefen auftut, aber auch Bereitschaft, Widerstandsfähigkeit und Aufbruch.
Das Gespräch lässt mich nachdenklich zurück, wandert unmerklich durch meinen Kopf, gibt mir aber das Gefühl jemanden getroffen zu haben, der Leid fassbar macht, den Umgang damit positiv schärft und durch den undurchsichtigen Nebel, den unsere Köpfe manchmal aufkommen lassen, hindurchführen kann.

Authentisch, durch eigenes Erleben zugewandt, mitfühlend.

Gabriele Prossmann wird am 03.06.1958 direkt in den „Kalten Krieg“ geboren.
Von Berlin-Wedding führt der Weg direkt in die sowjetisch besetzte Zone nach Magdeburg in ein Kinderheim. Die Eltern sind überfordert, auch wenn nach fünfzig Jahren der Weg wieder zur Mutter führen wird. Aus dieser Zeit wird Sie körperliche und seelische
Wunden davontragen, die Sie bis heute verfolgen und dafür sorgen, dass Sie mit Geborgenheit und „Urvertrauen“ in Menschen fremdelt.

„Meine Kindheit kann man unter Ulk Verbuchen“, erinnert Sie die Zeit.

Die Schule ist notwendiges Übel, auch wenn Deutsch und Geschichte Ihr Interesse wecken!

Ihr Selbstwertgefühl und damit einhergehendes Selbstbewusstsein sind nur Nuancen in einer Abwärtsspirale, die an ihr nagt, Zweifel nährt, in der man sich fragt, ob man genügt, in der man Fehler bei sich sucht, sich in ein seelisches Verlies verkriecht, dessen Schlüssel man nicht mehr habhaft wird. Ihre Flucht ist das abendliche Schreiben in ein Tagebuch und der Kontakt zu einer Mitschülerin, die bis heute in Freundschaft mit ihr verbändelt ist.

Früher vielleicht als pubertäres Verhalten abgetan und weggewischt, weiß Gabriele heute, dass Sie fast 50 Jahre an Depressionen litt, deren Umgang von Höhen und Tiefen geprägt war und ist.

Mit Anfang 20 pflegt Sie einen Umgang zu Ihren Stimmungsschwankungen und gestaltet sich ein eigenes leben. Sie heiratet einen Seemann und möchte eigentlich in die beruflichen Fußstapfen ihrer Vorfahren treten, die sich mit abnähen, Abstich und Absteppen einen Namen gemacht haben.

Doch wer seine Regimetreue in der DDR mit einer 4 in Staatskunde umgarnt, darf beim sogenannten Kaderchef leider nicht auf Wohlwollen und Nahtzugabe bei der Berufswahl hoffen. Und wer seinen Malus der Geburt in Berlin Wedding, mit dem Satz „Erich Honecker ist doch auch im Westen geboren“ kommunikativ mit einer Stecknadel versieht, lässt die Nähte auch mal platzen und darf sich zukünftig nicht um Pailletten, Knöpfe und Ösen kümmern, sondern um Tippfehler, Anschläge und Kuverts, abgebügelt als „Facharbeiterin für Schreibkraft“.

Ihren Gemütszustand beschreibt Sie derzeit als „frech aber niedergedrückt“.
Trotz alledem trägt ihre Ehe Früchte, denn nach einem Umzug nach Peenemünde bringt sie mit den Töchtern Cornelia und Catharina zwei „echte Fischköppe“ zur Welt.

1988 zieht es die kleine Familie wieder näher an die Hauptstadt. Fürstenwalde ist nicht das Auge der Welt, bietet Gabriele aber einen Job im Amtsgericht als Sachbearbeiterin, das Sie damit beamtentechnisch 1989 auch gleich die Wende verschläft, liegt ja in der Natur des Amtes.

Auch hier begleiten Sie noch Angststörungen und Versagensängste, doch irgendetwas in dieser Zeit verändert sich und sie findet zu einer gewissen Selbstbestimmung. 1997 lässt Sie sich scheiden und 2001 findet Sie durch eine neue Liebe den Weg nach Spandau, das in Ihr ein „zu Hause“ aufkommen lässt und das Sie nicht mehr verlassen wird.

In diesem Jahr wird Sie auch Siegel und Amtsschlüssel auf den Tisch werfen und Ihren Amtsjob sprichwörtlich schmeißen.

Persönliche Tragödien um Familienmitglieder und private Probleme lassen Sie derzeit in ein Loch fallen und 2009 entscheidet Sie sich, dass Sie das öffentliche Hilfesystem braucht und begibt sich eine Traumatheraphie – ein Wendepunkt und Initialzündung für Ihr Engagement.
Heute sagt Sie: „Das geht garnicht und das man bei Behandlungen ein Recht auf Augen-höhe und einer gewissen Menschlichkeit hat“!

Bei ihrer fehlt Ihr Empathie, Diagnose und Einfühlungsvermögen zu gleich – diese Erfahrung macht Sie zu dem Menschen, den wir heute kennen und schätzen.

„Psychotherapheutenkammer oder Vodafone, heute kann mir keiner was vom Pferd er-zählen“, spiegelt wieder, wie ihr Engagement zu verstehen ist.

Sie macht eine Ausbildung als Genesungsbegleiterin, Fürsprecherin, engagiert sich in der Vertrauens-und Beschwerdestelle, der Berliner Besuchskommission, in der Spandauer Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft, die sie mit aufbaut, in der Sie als Genesungsbeglei-terin arbeitet, und Spandauerinnen und Spandauern bei seelischen Problemen zur Seite steht, sie engagiert sich im berlinweiten Traumanetz und vieles mehr. Wenn‘s nach ihr geht, würde es eine vorstationäre Krisenpension geben, damit Ihre Erfahrungen niemand teilen muss.

Ein Ziel, dass die antreibt, weiterführt und ihren inneren Kompass eine Richtung gibt.

„Stärke geben und vermitteln, um Dinge zu überstehen“ ist Ihre Mission, die Sie wahrlich mit Herzblut ausfüllt. Viel Pathos, den Sie wahrscheinlich nicht recht mag.

Müßig über Unzulänglichkeiten, Leiden oder Schmerz zu sprechen…sie sagt: „Man kanns nur nachempfinden, wenn mans erlebt hat! Ob Borderline, Depressionen oder Sucht, die Menschen haben Gefühle“…und ich nehme sie beim Wort!
Niemand weiß, wie sich fallen anfühlt, wenn er nicht gefallen ist, aber sind wir nicht alle schon mal gefallen, privat, gesundheitlich, geistig! und sind wir nicht alle ein bisschen irre, durcheinander, anders – EINZIGARTIG. Sind Krankheiten gesellschaftliche Ausschlusskriterien, Brandmarken oder rechtfertigen Ausgrenzung oder gar einen undifferenzierten ärztlichen Umgang damit – mitnichten.

Ich frage Sie: Was sagen Leute über Sie, was nicht stimmt?
Sie gibt mir zu verstehen, dass man Sie oft arrogant oder oberflächlich einschätzt.

Ich habe eine Frau kennengerlernt, der das Leben nicht immer nur Rosen überlassen hat, die auch eigene Dämonen bekämpft, die sich sprichwörtlich wieder ins Leben gekämpft hat und hinter Ihren Überzeugungen steht und diese Ihren Mitmenschen zugänglich macht. Dies ringt mir Respekt ab.

„Große Klappe, seelisch krank – wer braucht den sowas“, ist ein Ausspruch, der bei mir hängengeblieben ist.

Ich kann dir versichern: Spandau braucht Dich! Auch wenn sich das Altersrentnerin-Dasein für Dich komisch anfühlt.

Ich hoffe, du frönst weiter deiner Leidenschaft für die Malerei, sammelst weiter fleißig Fingerhütte, lernst das Klavierspeilen, zockst weiter die SIMS, „weil man da bauen kann wie man will“ und baust auch weiter hier bei uns an den deinen Überzeugungen.

Die goldene Spandauer Ehrennadel für Gabriele Prossmann!

Rolf Jacubeit

„Hatari“, „Daktari“ oder „Hund, Katze, Maus“ – Formate in denen auch Rolf Jacubeit Platz gefunden hätte. Seinen eigenen Platz hat er eher als positiver Waldschratt,
Baumschüler und Bauer gefunden. Gefunden hat er auch seine Leidenschaft für das Blasen des Jaghorns. Obwohl er Hörner eigentlich nur bekommt, wenn Leute von der Jagd als „Hobby“ sprechen oder vor ihm nen „dicken Otto“ machen.
Gemacht hat er so viel, dass es einer längeren Beschreibung bedarf, wie man zum
Beispiel in Kladow zum Affen kommt, Vogelfreund wird oder zu dem Schluss kommt, dass manche Menschen mit denen man über unsere Umwelt spricht lediglich „soweit denken, wie ein Schwein scheißt!“.

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Rolf Jacubeit.

Rolf Jacubeit ist mit einem bübischen Lächeln belegt, als wir uns an seinen heimischen Esstisch setzen. Seine Frau Helga wird sich in gewissen Abständen immer wieder zu uns gesellen und den Part der Souffleuse übernehmen und nebenbei den Haushalt schmeißen. Als es nach gut 2 ½ Stunden Gespräch nach Mittagessen duftet werde ich die Jacubeits verlassen, randvoll mit Anekdoten, Lebenserfahrungen und Tiergeschichten.
Als ich vor der Tür stehe und sortiere, komme ich zu dem Schluss, dass ich gerade den „Heinz Sielmann“ aus Spandau kennengelernt habe.

Meinungsstark, gerade und die letzten 87 Jahre immer für Natur-und Tierwohl unterwegs.

Rolf Jacubeit wird am 29.01.1936 in Stendal / Sachsen-Anhalt das erste Mal Waldluft schnuppern. Ein folgenschweres Unterfangen, denn intensive Naturverbundenheit wird ihn bis heute nicht loslassen.

Heute spricht er von sich als altmärkischen Hanseaten mit ostpreußischen Wurzeln. Hiermit lässt sich nicht verhehlen, dass er Bombennächte, Besatzung und Tieflieger miterlebt hat.
Groß wird er beim Urgroßvater, die Mutter verstirbt, als er drei Jahre ist und der Vater ist beruflich in Berlin unterwegs. Mit einer Klassenstärke von 52 Mistreitern wird er zurückhaltend die Schulbank drücken, sich durchwursteln und in Zeiten des Verzichts auch mal sechs Kilometer für ein bisschen Milch zum nächsten Bauern stiefeln.

Abwechslung, Spielwiese und Ausgleich findet der kleine Rolf damals unter Baumkronen, in Wäldern mit Gestrüpp, Getier und naturbelassenen Geschehnissen, was in einer innigen lebenslangen Verbundenheit fußen wird.

Beginnen und genährt wird diese durch eine Ausbildung in der städtischen Baumschule, wo geschlachtet, gemolken und gepflügt wird sowie die Vogelkunde gelehrt wird, auch heute noch seinen leidenschaftlichen Tribut bei Rolf zollt.

1955 flieht er sprichwörtlich nach Berlin. In der sowjetisch besetzten Zone gilt das Statut, dass zum Aufbau der damaligen Nationalen Volkarmee auch Betriebe einem Mitarbeiter in dessen Dienst stellen. Rolf quittiert dieses Ansinnen mit der vielsagenden Aussage „Die Uniform gefällt mir nicht“ und macht sich mit drei Kumpels auf nach Berlin.
Heimisch wird er, gemäß seines grünen Naturell, in der Baumschule Kronenberg am Kladower Damm – Kladow wird er nicht mehr verlassen.

Austoben, anpacken und etwas ausrasten kennzeichnet diese Zeit.
Neben Tanzlustbarkeiten in der „Neuen Welt“, dem „Sportpalast“ oder zünftigen Bockbierfesten, überlässt ihm Kronenberg auf dem Fachgelände ein kleines Gartenhaus zum wohnen und zur freien Verfügung.

Ähnlich wie der aus den 50ern bekannte Bernhard Grzimek bietet auch Jakubeit „Ein Platz für Tiere“. Vogelhaus, Hundezucht, Enten und einen Affen, der eigens mit dem VW Käfer aus Holland von Jakubeit nach Kladow befördert wird. Das er nebenbei noch allerlei seltene Pflanzen und Apfelsorten anbaut, ist bei ihm Spaßfaktor.

1958 ist Rolf in der Blütezeit.
Und wer sein eigenes Feld sehr gut aussehend, braun und mit dunklen Locken bestellt, wird zwangsweise weibliche Triebe ernten. Die wunderschöne Knospe die bei Rolf aus und anschlägt trägt den Namen Helga, in die er seit 65 verliebt ist, mit der er seit 63 Jahren verlobt ist und seit 60 Jahren verheiratet.

Häusliche Wurzeln werden die beiden 1963 in Kladow schlagen und Nachkömmlinge ziehen mit der Geburt von Thomas und Regina.

Bodenständig wird er zu dieser Zeit, in dem er den „Kaufmann nachmacht“ und folgend 25 Jahre einen Zooladen an unterschiedlichen Orten führen wird, mit Fischen, Kaninchen, Hunden, Meerwürmern und vielen Arten mehr.
Das er mit der Auswahl an 250 Vogelarten Berlin damals größter Vogelhändler ist, Tierfutter aller Art selber anmischt und unter den Messehallen am Funkturm riesige Vogelausstellungen bewerkstelligt, zeigt nur das Rolf Jakubeit auch erntet was er sät.

Dies zeigt sich auch in seinem blühenden ehrenamtlichen Feld.
1961 gründet er den Verein der „Berliner Vogelfreunde“ und ist seit über 50 Jahren erster Vorsitzender, organisiert Exkursionen ins In-und Ausland zu Vogelparks, zoologischen Gärten und Vogelschutzgebieten.
Er ist sechzehn Jahre Vorsitzender der „Jägerschaft Spandau“ und damit einhergehend traditioneller Teil der Gruppe der Jagdhornbläser, mit Auftritten in Stockholm, dem Olympiastadion, der Philharmonie, um nur einige zu nennen.

Er pflegt enge Kontakte zu den „Berliner Forsten“, er gründete den „Landschafts-und Pflegeverband Berlin“ und auch den „Deutschen Landschafts-Pflegeverband“, er wirkt seit über 45 Jahren im „Arbeitskreis Gatow“ und hat seine Kompetenzen für die Bepflanzung der „Rieselfelder“, mit Obstbaum-Alleen, Obstsorten und der Befestigung von 300 Nistkästen, eingebracht.

Er bringt sich in den 80ern im Spandauer Forst ein, um mittels Gräben und „Verrieselung“, der Absenkung des Grundwasserspiegels entgegen zu wirken und die Trinkwasserversorgung zu fördern. Eine Maßnahme die heute noch bis zum Eiskeller sichtbar ist und mit der er sich auch irgendwie ein Denkmal in Spandau gesetzt hat.

Mittendrin ist er noch Mitbegründer der „Berliner Landesarbeitsgemeinschaft für Naturschutz“ und sitzt sechs Jahre als Bürgerdeputierter im Natur- und Umweltausschuss der Bezirksverodnetenversammlung in Spandau.

Bis heute ist Rolf Jacubeit feldornithologisch in Kladow unterwegs und erfasst den vorgegeben Wasservogel-Zählterminen, die Wasservögel des Groß-Glienicker-Sees und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft „Rettet die Halbinsel im Groß-Glineicker Sees“.

Rolf Jacubeit hat das Sternzeichen Natur und ist ungebrochener Liebhaber von Kranichen.Fasanenschütte, Rebhühner, Zebrafinken, Wellensittiche, Sterntaucher, Moorente oder auch Hirschbrunft – Rolf Jacubeit ist lebendiges Natur- und Tierlexikon und füllt diesen Umstand mit Emotionalität, Anteilnahme und einer motivierenden, ansteckenden Leidenschaft.

Für Einen dessen Lebenselixier unser Lebensraum ist, der sich diesem Umstand, deren Verbesserung verschrieben hat und unser Spandau damit ein wenig besser macht und dadurch mit guten Gewissen und vollster Überzeugung als Vorbild bezeichnet werden darf.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2023 für Rolf Jacubeit.